Donnerstag, 7. Februar 2019
Was ist eigentlich Scham?
Unter Scham verstehen wir ein Gefühl von Verlegenheit oder auch die Angst vor oder die erfahrene Bloßstellung. Scham ist etwas sehr nahes, sehr persönliches und tritt durch eine Verletzung unserer Intimsphäre auf. Hierbei geht es um das Bild, was wir selbst oder andere von uns haben.

Darüber hinaus kann Scham auf dem Glaubenssatz beruhen, durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder Normen nicht zu entsprechen.

Unser Schamgefühl ist häufig von vegetativen Erscheinungen wie Erröten oder Herzklopfen begleitet. Dies bedeutet: Es geht uns an die Nieren. Das Gefühl ist echt, authentisch und lebensbedrohlich (auf seelischer Ebene). Manchmal geht es einher mit typischen Gesten wie dem Senken des Blickes. Die Intensität unseres Schamgefühls reicht von flüchtiger Anwandlung bis hin zu tiefster Beklommenheit. Häufig tritt Scham bei empfundener Entblößung oder in Zusammenhang mit einem Ehr- oder Achtungsverlust im sozialen Umfeld auf.

Über diese Aspekte hinaus kann Scham auch durch Verfehlungen oder empfundene Unzulänglichkeiten (Peinlichkeiten) ANDERER, mit denen wir uns eng verbunden fühlen (Familienangehörige, Verwandte, Freunde, Kollegen), ausgelöst werden. Wir bezeichnen dies dann als „sich fremdschämen“, was soviel wie eine „stellvertretende Betroffenheit“ bedeutet.

Der Gegenspieler zu Scham ist Stolz.

Wir können hieran leicht erkennen, dass sowohl Scham wie auch Stolz zwei Gefühle sind, die unser Ego charakterisieren. Wenn wir uns „unangemessen“ verhalten oder wenn wir „unseren Namen verlieren“ oder wenn wir uns „entblößt fühlen“, so schämen wir uns.

Sehr gebräuchlich ist Scham als „Instrument“ in der Erziehung unserer Kinder. Wir sagen dann: „Schäm Dich!“ Hiermit installieren unsere Eltern in uns einen Glaubenssatz, wie es „falsch“ oder „richtig“ ist, sich in dieser Welt zu verhalten.

Scham hängst also sehr eng zusammen mit Formen: mit unserem Verhalten, unserem Denken und unserer (kindlichen, natürlichen) Kreativität, Vitalität, Lebensfreude, Lebendigkeit und Ausdrucksbereitschaft. Scham bringt zum Ausdruck, wie wir gelernt haben, dass wir unsere Gefühle und Impulse in angemsesner Weise zeigen und zum Ausdruck bringen (dürfen). Leben wir unsere Gefühle und Impulse (nach den Wertevorstellungen unserer Eltern) NICHT in angenessener Weise, so „sollen wir uns was schämen“.

An diesem Punkt „zerbricht“ dann etwas in uns - nämlich unser gesundes Selbstwertgefühl, unsere Lebensfreude, unsere innere Lebendigkeit. Und dieses „zerbrochen sein“ bringen wir zum Ausdruck, indem wir unseren Blick senken. Wir sind (innerlich) tot, gestorben, unsere Lebendigkeit ist dahin. Und dann versuchen wir in mühsamen Therapiesitzungen und langatmigen Selbstfindungsseminaren diejenigen Anteile von uns wieder zu finden, die unsere Eltern vernichtet haben - weil wir uns lieber was schämen sollten …

Natürlich sind hieran NICHT unsere Eltern Schuld. Sie haben ihrerseits lediglich die Muster und Wertevorstellungen ihrer Ahnen und der Gesellschaft bedient. Sie haben es gut gemeint, uns zu Menschen zu erziehen, die „man“ achten und anerkennen kann. Und hierzu gehörte eben, die eigene Lebendigkeit, Lebensfreude sowie Gefühle NICHT zu zeigen und NICHT offen zu leben, sondern zu unterdrücken und unter den Teppich zu kehren - und da liegen sie bis heute.

Ich persönlich sagen immer: „Peinlichkeit ist Lebensfreude!“ Hiermit breche ich in meinem Leben diese Schamschwelle auf. Ich verdienen meinen Lebensunterhalt als Unterhaltungskünstler (www.datgeitman.de/delectatio) und schenke den Menschen mit meinen bunten Kostümen und Aktionen kleine Momente der Freude. Mir macht das sehr viel Spaß, doch meine Kinder schämten sich für mich, als sie in der Pubertät steckten.

Den Blickkontakt halten bedeutet also, innerlich aufrecht zu sein, zu sich selbst und zu seinem eigenen Verhalten, Auftreten und Sein zu stehen, sich treu zu sein und sich so zu lieben, wie man ist. Dies ist gelebte, praktizierte SELBSTLIEBE. Es geht darum, es eben NICHT DEN ANDEREN recht zu machen.

Und in Bezug auf das „sich fremdschämen“ bedeutet dies, auch unsere Eltern und die uns nahestehenden Menschen, mit denen wir uns identifizieren, ebenfalls aufrecht anzunehmen, zu ihnen zu stehen, ihnen die Treue zu halten und sie so zu erlauben, wie sie sind. Dies ist dann gelebte NÄCHSTENLIEBE. Hier gilt es, die eigene Identifikation mit dem anderen aufzulösen und den anderen freizugeben, dass er/sie sich frei entfalten und leben darf. „Der andere darf anders sein als ich“ - auch wenn es mein Kind oder meine Mutter/mein Vater oder mein Partner ist.

Eine gesunde, neue Haltung im Sinne einer inneren Neuen Ordnung, könnte sein: „Anders sein ist normal! Anders sein ist Lebensfreude. Anders sein macht diese Welt bunt und schön.“ Die Andersartigkeit ist unsere Normalität, NICHT das „angepasst sein“ und NICHT das „gleich sein“! Wenn wir das „anderes sein“ annehmen, akzeptieren und sogar lieben (können), dann brauchen wir nichts mehr zu bewerten, zu beurteilen oder zu verändern. Alles darf einfach so sein, wie es ist. Jeder Mensch darf einfach so leben, wie er/sie es möchte. Und ich kann ihm aufrecht in die Augen schauen und ihn und mich gleichermaßen in Liebe annehmen …